Sechs Filmteams von zwölf nominierten Filmteams können sich über den Deutschen Kurzfilmpreis 2025 freuen. Die Jurys Deutscher Kurzfilmpreis hatten sie aus 245 Einreichungen ausgewählt. In voller Länge sind die ausgezeichneten Kurzfilme im kommenden Jahr auf der Kurzfilmtour in deutschen Kinos zu sehen. Hier finden Sie die Trailer sowie die Jurybegründungen.
Der Deutsche Kurzfilmpreis ist die wichtigste und höchst dotierte Auszeichnung für den Kurzfilm in Deutschland. Bei der Preisverleihung, die erneut in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel stattfand, wurden Filme in sechs Kategorien prämiert.
„Mother is a natural sinner“
Aufgrund einer unerwarteten Schwangerschaft beginnt Hoda, gängige Vorstellungen über Geschlechterrollen in einer Beziehung zu überprüfen.
Herstellung: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Federführung Produktion: Max Feldkamp
Regie: Hoda Taheri, Boris Hadžija
Drehbuch: Hoda Taheri, Boris Hadžija
Laufzeit: 15 Minuten
Direkt aus den Tiefen des Mutterleibs kommt die Geschichte, die uns das talentierte Regie-Duo Hoda Taheri und Boris Hadžija auf der Leinwand serviert: Ein Frauenkörper in seiner vulnerabelsten Form, gestreckt auf einem gynäkologischen Stuhl, Schwangerschaft in der achten Woche. Der Körper gehört Hoda, einer in Deutschland lebenden Iranerin. Ob sie und ihr Partner Hadi bereit für ein Kind sind, weiß sie noch nicht, aber sie hat Fragen: An ihre Mutter zu ihrem verstorbenen Vater und seiner (nicht gelebten) Sexualität. An Hadi zu seinen Begierden, Ängsten und fehlenden Erfahrungen. An den eigenen Körper, den sie in lustbefreiten, doch neugierigen Bewegungen zu erforschen scheint. Beim Essenzubereiten zerlegt sie nicht nur ein Huhn, sondern auch die unbeholfenen Argumentationen ihres Partners, der die gesellschaftlichen Normen in Sachen Geschlechterverhältnisse und Sexualität nie hinterfragt zu haben scheint.
Eine bemerkenswerte Kamerafahrt und minutiös geplante Einstellungen, gepaart mit klugen, humorvollen Dialogen — in Kurzform: großes Kino!
Die Jurys werden durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage von Vorschlägen der Verbände und Einrichtungen des deutschen Films berufen. Lesen Sie hier mehr zu den Jurys 2025.
„AT HOME I FEEL LIKE LEAVING“
Eine junge Frau kehrt zurück in ihr abgelegenes Heimatdorf, nachdem ihr Vater im Wald verschwunden war. Hin- und hergerissen zwischen der Verantwortung für den infantilen Mann und ihrer Sehnsucht nach Nähe und Unbeschwertheit treibt sie durch den Tag.
Herstellung: Filmakademie Baden-Württemberg
Koproduktion: SWR
Federführung Produktion: Fabian Leonhardt, Lena Zechner
Regie: Simon Maria Kubiena
Drehbuch: Simon Maria Kubiena, Nicola Jakobi
Laufzeit: 20 Minuten
Mit großer Sensibilität erzählen die Filmschaffenden die Geschichte einer jungen Frau, die in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um sich um ihren infantilen Vater zu kümmern. Visuell stark, zugleich angenehm unaufdringlich und ohne das Provinzleben zu beschönigen oder zu glorifizieren, gelingt es dem Film, die Zuschauenden Stück für Stück in die fast hermetisch geschlossen wirkende Welt seiner Erzählung hineinzuziehen. Das reife Zusammenspiel aller filmischen Gewerke, ein starkes Ensemble, angeführt von einer herausragenden Hauptdarstellerin, und die authentische Komparserie in der Tiefe der Bilder, formt das stimmige Gesamtbild des fiktionalen Dorfes. Somit gelingt diesem Film die feinfühlige Erzählung einer Annäherung an die Heimat, an den eigenen Vater, an die vergangene Jugend und Kindheit. Was bleibt, ist ein warmherziger Film von leiser, aber nachhaltiger Kraft, der zur Versöhnung mit der eigenen Biografie und Identität anregt.
Die Jurys werden durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage von Vorschlägen der Verbände und Einrichtungen des deutschen Films berufen. Lesen Sie hier mehr zu den Jurys 2025.
„Detlev“
Ein immerzu frierender Mittvierziger fährt jeden Abend zu einer einsamen Tankstelle und bestellt sich ein mikrowellenwarmes Hawaii Toast. Diesem gibt sich Detlev in einem bizarren Ritual hin, denn es ist das Einzige, was ihm Wärme schenkt. Als er jedoch eines Nachts von einem Fremden dabei beobachtet wird, beginnt seine Welt auseinanderzubrechen.
Herstellung: Filmakademie Baden-Württemberg
Federführung Produktion: Saskia Stirn, Ferdinand Ehrhardt
Regie: Ferdinand Ehrhardt
Drehbuch: Ferdinand Ehrhardt
Laufzeit: 13 Minuten
Ein Animationsfilm, der durch seine eigenwillige Mischung aus lakonischem Humor, liebevoller Bildgestaltung und wendungsreicher Skurrilität besticht. In der Figur des ständig frierenden Detlev wird ein Mensch gezeigt, der zwischen Isolation, Sehnsucht und Alltagsritualen gefangen ist — und doch in einem unscheinbaren Toast Hawaii einen
letzten Rest von Geborgenheit findet.
Die Begegnung mit dem Fremden markiert einen subtilen, aber existenziellen Bruch: Hier wird die fragile Balance von Intimität und Scham, von Bedürfnis und Einsamkeit auf beklemmende Weise ausgelotet. Dem Film gelingt es, von mehr als der Zerbrechlichkeit menschlicher Routinen zu erzählen — er schafft es, einen eigenen Bedeutungsraum zu öffnen. Auf wundersame Weise verwebt sich in dieser Geschichte ein sozialkritisches Element mit filmischer Leichtfüßigkeit. Mit präziser Dramaturgie und atmosphärisch dichter Animation gelingt es dem Film, sich ins Surreale zu überhöhen und das Vielschichtige witzig sichtbar zu machen. Klassische Stereotype wachsen buchstäblich über sich hinaus: so auch Detlev. Aber ist das die Pointe? Nach diesem Film bleibt irgendwie auch eine sehr gelungene Leerstelle, mit der wir nach Hause gehen.
Die Jurys werden durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage von Vorschlägen der Verbände und Einrichtungen des deutschen Films berufen. Lesen Sie hier mehr zu den Jurys 2025.
„Pain that comes in waves“
Bin ich Gott? Natur kennt keine Moral, der Schmerz kommt in Wellen.
Herstellung: Irem Schwarz
Federführung Produktion: Irem Schwarz
Regie: Irem Schwarz
Drehbuch: Irem Schwarz
Laufzeit: 18 Minuten
Der Philosoph Philipp Mainländer entwarf im 19. Jahrhundert die Theorie, dass unser Universum aus dem sterbenden Gott entstand. Mit dieser Idee beginnt ein sehr gewagter und persönlicher Film über einen recht normalen Vorgang in unserer Welt, eine Schwangerschaft. Vor ungewöhnlichen, herausfordernden und sogar schmerzhaften Perspektiven auf dieses Thema wird nicht zurückgeschreckt. Den sehr intimen Einblicken und Gewissenskonflikten der Regisseurin, die stellvertretend von einer computergenerierten Ich-Erzählerin gesprochen wird, ist überaus klischeehaftes Stock-Footage-Videomaterial gegenübergestellt, sodass manchmal nicht zu entscheiden ist, was von beidem mehr schmerzt. Diese sehr clevere und von Humor durchzogene Montage lässt tief in die private Gedanken- und Gefühlswelt blicken, ohne in eine gefühlsduselige Nabelschau abzugleiten. Das trifft besonders auf das absolut unerwartete Ende zu. Denn der Schmerz kommt in Wellen, oder wie der Titel es sagt: PAIN THAT COMES IN WAVES.
Die Jurys werden durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage von Vorschlägen der Verbände und Einrichtungen des deutschen Films berufen. Lesen Sie hier mehr zu den Jurys 2025.
„rückblickend betrachtet“
Arbeitsmigrantinnen und -migranten bauen ein Einkaufszentrum für die Olympischen Spiele 1972 in München. Im Jahr 2016 wird derselbe Ort zum Schauplatz eines rassistischen Anschlags. „Und jetzt dieser Hass“, stellt eine Frau in Sohrab Shahid Saless' Film „Empfänger Unbekannt“ (1983) fest.
Herstellung: Daniel Asadi Faezi
Koproduktion: Mila Zhluktenko
Federführung Produktion: Daniel Asadi Faezi
Regie: Daniel Asadi Faezi, Mila Zhluktenko
Drehbuch: Daniel Asadi Faezi, Mila Zhluktenko
Laufzeit: 15 Minuten
Nach 1936 präsentiert sich Deutschland Anfang der 1970er Jahre erneut als Gastgeber der Olympischen Spiele. „Waldi“, ein bunter Stoffdackel, soll Leichtigkeit, bayerische Gemütlichkeit und ein weltoffenes Land verkörpern. Doch es kommt anders: Eine Geiselnahme der israelischen Mannschaft verläuft tödlich. Zurück bleiben architektonische Zeichen des Fortschritts — ein schwebendes Zeltdach, sowie das Olympia-Einkaufszentrum an der Hanauer Straße, seinerzeit die größte Shoppingmall Europas. Errichtet wurde es von angeworbenen Arbeitenden aus Italien, Jugoslawien und der Türkei, die den Wohlstand mit aufbauten, aber selten Teil von ihm wurden. Mit dem Ende des Wirtschaftsbooms tritt der Rassismus noch offener zutage. Semra Ertan, Dichterin und Aktivistin, verbrennt sich Anfang der 1980er Jahre aus Protest gegen den allgegenwärtigen Hass. Jahrzehnte später, 2016, fallen neun junge Menschen mit Migrationsgeschichte einem rechtsterroristischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum zum Opfer. RÜCKBLICKEND BETRACHTET ist ein lang nachhallender Essayfilm, der archivarisches und eigenes Material übereinanderschichtet zu einem Trümmerhaufen deutscher Nachkriegsgeschichte.
Die Jurys werden durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage von Vorschlägen der Verbände und Einrichtungen des deutschen Films berufen. Lesen Sie hier mehr zu den Jurys 2025.
„Garnelius“
2007: Karl fühlt die Abwesenheit väterlicher Zuwendung am schmerzlichsten beim Blick auf seinen kleinen Bruder David, der nicht mehr zuhause wohnen kann. Nach Vater Werners hitziger Geburtstagsfeier geschieht etwas Unerwartetes: Karl legt ein Ei.
Herstellung: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Federführung Produktion: Melvyn Zeyns, Jonas Nemela
Regie: Julia Ketelhut
Drehbuch: Julia Ketelhut
Laufzeit: 49 Minuten
Der Film erzählt sensibel und authentisch von einer fragilen Familie, doch wir erfahren nicht viel über die erlittenen Verluste und Verletzungen der Protagonisten. Dafür blickt die Kamera immer wieder lange in deren Gesichter und die sprechen Bände. Sie lässt uns an der ausgelassenen Geburtstagsfeier des Vaters in der beengten Wohnung teilnehmen oder am zärtlichen Verhältnis zwischen den Brüdern. Selbst als Karl auf einem Ei erwacht und sich nun auch noch um dessen hilfsbedürftiges Wesen kümmern muss, bleibt der Film seinem beobachtenden Realismus treu und übt sich nicht in Gefälligkeiten. Sounddesign und Effekte sind intensiv, doch nicht aufdringlich. Julia Ketelhut hat mit GARNELIUS eine verstörend schöne Arbeit geliefert, einen Film, der metaphorisch und nachhaltig von sozialen Befindlichkeiten erzählt.
Die Jurys werden durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grundlage von Vorschlägen der Verbände und Einrichtungen des deutschen Films berufen. Lesen Sie hier mehr zu den Jurys 2025.